Freitag, 28. Juli 2017

Pskow

Gestern auf der Herfahrt hierher gab es im Bus so dichte und interessante Gespräche über Freundschaft, Liebe, Hass und Leid zwischen den Völkern. Die Erfahrungen der Leben von Menschen im Bus flossen zusammen zu einer Wolke von (zumeist alten) Ideen, wie man das Leben in unserer Gesellschaft radikal verbessern sollte und die Abhängigkeit vom Mamon (in Gestalt des "Mehrwert heckenden Mehrwertes") beenden könnte. Eingeschenkt TV hat versucht, einen Teil dieser dichten Gespräche einzufangen. Ob sie je veröffentlicht werden?

In der Realität hat sich nicht viel geändert. Wir versuchen, über telegram unser gemeinsames Leben hier zu organisieren. Das ist mühevoll mit uns 350 engagierten Teilnehmern mit recht unterschiedlichen Meinungen, Wünschen und Interessen. Die Mühen und Aufregungen der Basis-Demokratie.

Etwa 10 von uns sind im Transit Hotel gut untergebracht. Wir haben wunderbar in dessen Restaurant gegessen. Alles recht russisch hier, im besten Sinne. Das Hotel ist am Flugplatz gelegen und der wird auch militärisch genutzt, aber zum Glück wird nicht geflogen. Ich hüte mich, dort die Kamera zu zücken.

Einfahrt nach Pskow - die ersten Gebäude am Stadtrand.

Fahrt Richtung Stadtzentrum von Pskow. Breite Straße und mehr oder weniger abgenutzte Wohnbauten.

Wir entschließen uns für das Hotel Transit, nachdem wir das Hotel Puschki fast am Stadtrand besichtigt haben, das eher muffig wirkte, dahinter wehte eine Sowjetfahne mit Hammer und Sichel. Transit ist in der Nähe, die Hotellobby erscheint mit warm und gemütlich - Ja, das nehmen wir. Das Zimmer ist einfach und grundsolide eingerichtet, piksauber und frisch.

Spartanisches Kiefernholztischchen
Furnierter Fußboden in großem Stabparkett-Format. Man muss dreimal hinsehen um zu erkennen, dass es nur gedruckt und geprägt ist.

Vom Hotel aus mache ich mich auf zum Stadtrundgang, beginnend in der danebenliegenden kleinen Siedlung. Alles ganz normal hier. Die Leute wollen ruhig und im Grünen wohnen.



Hier ist das benachbarte Blockhaus abgebrannt.

Sumpfiges Weiden- und Pappel-Wäldchen bevor man auf die Fernverkehrsstraße kommt, die nach Sankt Petersburg führt. Es blüht so was ähnliches wie Dill.

Nun bin ich auf der Brücke, die die Eisenbahn überquert. Diese Siedlung: unaufgeregte Normalität.

Kleines Gärtchen mit Frau und Kind.

Die Milchfabrik.

Bahnhofsgebäude und sich sonnende Tauben. Ich gehe in die kleine türkisfarbene orthodoxe Kapelle rechts im Bild, andächtig die Ikonen betrachtend.


Bei meinem ganzen Stadtrundgang in Pskow, und auch schon in Riga, und später in St. Petersburg fiel mir auf: Verglichen mit meinem Wohnort Dresden, insbesondere Äußere Neustadt, sind die Orte hier viel sauberer. Es liegen nie Papier oder Flaschen herum, Laub wird wohl täglich beseitigt, und Hundekacke gibt's nicht, auch kaum Hunde.

Kunst an der Hauswand: "Unser Tag" oder so was. Reklame: Magazin Adjezhdy za Chodi! i obuvi - Geschäft für Bekleidung für Unterwegs! und Schuhe.

Eingang zu einem Notariat in einem Mehrfamilienhaus.


Ich komme zu einem großen Platz, dem Platz des Sieges - Ploschtschadch Popedyi. Auf der Siegessäule, möglicherweise vom Ende des Ersten Weltkrieges, oder von einem vorherigen Krieg, der goldene russische Adler, der seine zwei Köpfe nach Osten und Westen reckt.
Gegenüber der Siegessäule das Pskower Kulturzentrum. Ich werfe einige Blicke in das Erdgeschoss des etwas abgenutzten Gebäudes, der Pförtner lässt mich mürrisch gewähren obwohl überall gebaut und umgebaut wird, denn ich habe ihm "Ja Turist is Germanii" gesagt.
Ewig, ruhmreich - das Pskow der Vergangenheit!
Es wurde  der Sage nach von Olga im Jahre 903 gegründet. Sie ist die Witwe eines Kiewer Fürsten, und sie stammt aus der Pskower Gegend, was vielleiht sprudelnde Klarheit bedeutet.

Immer willkommen, neues Pskow!

Auf dem Platz ist auch das Helden- und Gefallenen-Denkmal für die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges, wie der 2. Weltkrieg genannnt wird. Das Denkmal ist ganz aus Panzerkanonen zusammengeschweißt. Man sieht auch das Blumengesteck mit dem roten Stern der ruhmreichen Roten Armee und das Kreuz der Orthodoxen Russischen Kirche. Am Nachmittag sehe ich, wie eine Hochzeitsgesellschaft nach der Trauung hier Blumen zum Gedenken an ihre Vorfahren niederlegt. Hinter dem Denkmal die mittelalterliche Stadtmauer. Also ein erinnerungs- und gefühlsreicher Platz.

Die Stadtmauer mit überdachten Schießständen.
Architekturdenkmal. Kulturobjekt von gesamtrussischer Bedeutung. Festungskomplex, der die Umschlossene Stadt umpfängt. Die Wände sind aus dem 16. Jahrhundert. Unterliegt staatlichem Schutz ...
Kleine Geschichte vom Platz des Sieges in Pskow

An dieser Stelle wollte ich die vielen telegram Mitteilungen meiner lieben Mitreisenden auf dem Smartphone lesen und ging dazu in den Schatten einer steinernen Bude, hinter der Rutenbesen zum Verkauf bereit lagen. Ein blonder, blauäugiger junger Russe sprach mich an, aber ich verstand ihn nicht. Um das Gespräch in Gang zu bringen, sagte ich in meinem einfachen Russisch: Dies ist der Platz des Sieges. Ich bin Tourist, aus Deutschland. Er schüttelte mir die Hand. Ich zeigte ihm meine blaue Druschba-Mütze und sagte, wir wären auf Friedens- und Freundschaftsreise. Er hielt inne und überlegte. Dann sagt er auf Deutsch: Wie geht's, Kleine? Ich lachte und er auch, und er nahm mich in den Arm. Ich beschäftigte mich wieder mit meinem Smartphone, da kam er noch mal und sagte auf Russisch: "Hast du mal ein paar Rubel für mich? Ich will etwas zu Trinken kaufen." Ich war auf Bettelei nicht eingerichtet, aber ich zauberte aus meinem Geldtäschchen zwei 10-Rubel-Münzen hervor, ohne ihm die großen Scheine zu zeigen. Ich gabe ihm die Münzen und sagte russisch: Für Sie. Da küsste er mich auf die Wange. Er roch etwa nach Alkohol. Das war gegen 11 Uhr morgens. Dann sah ich mir die Stadtmauer noch von der Innenseite an.

Schießscharte der Stadtmauer von Pskow, von innen.

Selbst im dunkelsten Winkel hinter der Stadtmauer wird von das bisschen Gras gemäht.

Kammern des Kaufmanns Menschikov, Haus von Jakovlev, 17. Jahrhundert, Architkturdenkmal von gesamtrussischer Bedeutung, steht unter staatlichem Schutz.
Als ich gerade die verschiedenen Fenster und Türen dieses ehrwürdigen Hauses bewunderte, hörte ich ein leises Glockengeklingel in der Luft, wie von einer russischen Schlittenfahrt. Ich wechselte die Straßenseite, aber ich konnte die Richtung nicht bestimmen, wo es herkam. Ich fragte verschiedene jüngere Leute, ob sie diesen Swuk, Schall hören, aber sie hörten ihn nicht. Erst als ich eine Frau mittleren Alters fragte, deutete sie mir an, dass ich in die nächste Querstraße rechts einbiegen müsse. Sie war ein wenig abschüssig Richtung Fluss Velikaja. Da sah ich das weißblaue Kirchlein auf der Georgiyevskaya ul., 3А https://goo.gl/maps/Ff4Mtn74oLR2. Es klangen viele Glocken, keine großen, eher kleine. Das ganze war kunstvoll und hatte viel musikalischen Sinn und Witz. Ich machte ein Video und traute mich kaum, mich zu bewegen. Langsam ging ich um die Straßenecke und um die Kirche, an der sie stand. Da erkannte ich eine Person mit langem wehenden Rock oben in dem allein stehenden Glockenturm, die bewegte zart und manchmal derb die Hände und die Beine. Ich weiß nicht, ab es für diese Musik eine festgeschriebene Komposition gab, ich denke, es war eher eine freie Improvisation an diesem sonnigen Mittag mit dem blauen Himmel. Einmal verklang das Glockenspiel fast. Dann begann es kräftig mit zwei dicht nebeneinander liegenden Tönen, einer Sekunde, und es wurde immer schneller und hopste leicht hin und her, und eine Oktave kam hinzu. Rückblickend war es das schönste Erlebnis des Tages. Ich wartete noch eine Weile in der Nähe des Glockenturmes, weil ich neugierig war, ob es ein Mann, oder was ich eher annahm, eine Frau war, und wie dieser Mensch aussieht, der so wundervolle Musik zaubert. Nichts geschah, und ich ging weiter Richtung Fluss die Georgiyevskaya hinunter.

Kirche der Himmelfahrt Mariä (mit Polonischtscha - mit dem Polnischen?)


Tserkov' Klimenta, Papy Rimskogo, byvshego Klimentskogo monastyrya
Церковь Климента, Папы Римского, бывшего Климентского монастыря,
Olginskaya nab., Pskov.




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